Dokumentation: Wort aller kirchenleitenden Organe

Wort aller kirchenleitenden Organe
zur Entwicklung des christlich-jüdischen Verhältnisses
auf der Herbstsynode 2008 in Straubing
In der Erklärung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) zum
Thema „Juden und Christen“ bei der Herbstsynode aus dem Jahr 1998 wurde das
Verhältnis zum Judentum als „zentrale Lebensfrage“ von Kirche und Theologie
bezeichnet. Heute blicken wir auf das zurück, was in den vergangenen Jahren
auf den Weg gebracht wurde und stellen uns den Herausforderungen der
Zukunft.
Christlich-jüdische Begegnung in Bayern
Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern hat in der zurückliegenden Dekade
daran gearbeitet, christlich-jüdische Begegnungen auf allen Ebenen der Kirche
und der Gesellschaft anzustoßen. Jüdische Gemeinden und Evangelisch-
Lutherische Gemeinden und Dekanatesbezirke arbeiten an vielen Orten
verständnis- und vertrauensvoll zusammen. Das Gleiche gilt auf Landesebene. So
hat die Landeskirche die Entstehung der neuen jüdischen Zentren in Bayern in
den letzten Jahren unterstützt und gefördert. Den Gesellschaften für christlichjüdische
Zusammenarbeit in Bayern, aber auch vielen evangelischen
Bildungseinrichtungen gelingt es in der Woche der Brüderlichkeit und darüber
hinaus, Jahr für Jahr mit hohem Engagement Menschen auf vielfältige Weise in
die Auseinandersetzung mit diesem Thema einzubinden. Dabei wird Geschichte
vergegenwärtigt, aber es werden auch neue Perspektiven des Miteinanders von
Christen und Juden entwickelt. Der Verein ‚Begegnung von Christen und Juden’
(BCJ Bayern) arbeitet im Auftrag unserer Landeskirche z.B. durch Vorträge,
Tagungen, Arbeitshilfen an einer Neuorientierung im christlich-jüdischen
Verhältnis. Mit der Ausstellung „Blickwechsel“ hat er zahlreichen Gemeinden und
Institutionen unserer Landeskirche ermöglicht, sich konkret der Aufarbeitung der
Vergangenheit zu stellen, um neue Perspektiven zu eröffnen.
• Das Synagogen-Projekt-Bayern dokumentiert nicht nur die in der NS-Zeit
zerstörten, wie die noch erhaltenen Synagogen, sondern auch die Phasen, in
denen es ein gelungenes Zusammenleben von Christen und Juden in Bayern gab.
Der erste Teilband „Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern 1“ ist
bereits 2007 erschienen, zwei weitere Bände sind im Entstehen.
• Der Wilhelm-von-Pechmann-Preis, der seit 2008 verliehen wird, ist ein
deutliches Zeichen, dass sich die ELKB ihrer Schuld und ihrer Verantwortung für
die Vergangenheit stellt. Mit dem Preis verbunden ist die Förderung von
individueller und gemeinsamer Zivilcourage, um ein gleichberechtigtes
Zusammenleben von Christen und Juden in der Gesellschaft zu gewährleisten.
• Die Einrichtung der Schalom-Ben-Chorin-Gastprofessur für jüdische
Studien ist ein weiterer ermutigender Schritt in die Zukunft. Sie will das
Gespräch mit profilierten Vertretern des gegenwärtigen Judentums im Kontext
unserer Universitäten, Bildungseinrichtungen und Gemeinden fördern.
Aufgaben für die Zukunft
Auch wenn im Bereich der ELKB in den letzten Jahren einiges erreicht wurde,
bleibt noch viel zu tun. Besondere Bedeutung kommt dabei folgenden Themen
zu:
• Die Bemühungen, den christlich-jüdischen Dialog in den unterschiedlichen
Aus- und Fortbildungsbereichen von Haupt- und Ehrenamtlichen zu verankern,
müssen engagiert weitergeführt werden (Theologiestudium, Predigerseminar,
Religionspädagogik, Kirchenmusik, Diakonische Einrichtungen). Dabei sollten
Themen, die mit dem christlich-jüdischen Dialog verbunden sind, in kirchlichen
Ausbildungsgängen und im Theologiestudium fest verankert sein.
• Die ELKB stellt sich ihrer historischen Verantwortung für die Entstehung
von Antijudaismus und Antisemitismus. Dazu gehört auch eine intensivierte
kritische Auseinandersetzung mit den antijüdischen Äußerungen Martin Luthers.
Die weitere Aufarbeitung der eigenen Geschichte – auch auf der Ebene der
Ortsgemeinden – ist daher dringend notwendig. Insbesondere die Rolle der
kirchenleitenden Organe in dieser Zeit muss eingehender untersucht werden. Nur
so kann deutlich werden, dass wir es mit Umkehr und Neubesinnung wirklich
ernst meinen.
• Weiter diskutiert werden müssen umstrittene Grundfragen des christlichen
Selbstverständnisses im Verhältnis zum Judentum, wie z.B. das trinitarische
Gottesbekenntnis, das Verständnis von christlichem Zeugnis und die Stellung der
ELKB zu den so genannten „messianischen Juden“.
• Aktivitäten, die das Ziel einer Konversion von Juden zum Christentum
verfolgen, sind für die ELKB undenkbar.
• Die ELKB wird jederzeit und unter allen Bedingungen deutlich gegen jede
Form von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und
Rechtsradikalismus eintreten. Sie beteiligt sich daher aktiv am „Bayerischen
Bündnis für Toleranz – Demokratie und Menschenwürde schützen“.
• Die Existenz des Staates Israel ist in keiner Weise in Frage zu stellen. Dort,
wo Kritik an der Politik Israels laut wird, darf sie nicht so erfolgen, dass sie für
neuen Antisemitismus missbraucht werden kann. In theologischer Grundlagenarbeit
ist zu erörtern, inwieweit die für Juden so bedeutsame Beziehung
von Gott, Volk und Land auch aus christlicher Perspektive zu bejahen ist.
• Der Dialog von Christen und Juden muss über den religiösen Bereich
hinausgehen.. Er soll die praktischen Bedürfnisse jüdischer Gemeinden (z.B.
Integration russischer Juden) ernst nehmen und auch überlegen, wie Juden und
Christen als Zeugen des einen Gottes in unserem Land und in unserer
Gesellschaft wirken können.
• Es ist zu prüfen, ob sich der Bewusstseinswandel gegenüber dem
Judentum auch im Recht und im Leitbild („Perspektiven und Schwerpunkte…“)
der ELKB ausdrücken soll.


Dokumentation: Stellungnahme zum "Wort aller...."
Judenmission undenkbar?