Dokumentation: Stellungnahme zum "Wort aller...."

Stellungnahme
zum
„Wort aller kirchenleitenden Organe zur Entwicklung des
christlich-jüdischen Verhältnisses auf der
Herbstsynode 2008 in Straubing“
Sehr geehrter Herr Landesbischof,
sehr geehrte Mitglieder des Landeskirchrates,
sehr verehrte Frau Präsidentin der Landessynode, sehr geehrte Herren Vizepräsidenten,
sehr geehrte Mitglieder des Landessynodalausschusses,
mit Freude erleben wir, wie sich das Verhältnis von Juden und Christen in Deutschland positiv
entwickelt. Dankbar nehmen wir Worte und Zeichen der Versöhnung an – jedes von ihnen ein Wunder
Gottes angesichts der Millionen Opfer des Judenhasses und der Schoah. Wir begrüßen das neu
erblühende jüdische Leben in Deutschland und die wachsende Zahl von Juden in unserem Land.
Gleichzeitig sehen wir mit größter Sorge die europaweite Zunahme des Antisemitismus und
verurteilen auf das schärfste Übergriffe gegen jüdische Mitbürger und ihre Einrichtungen. Wir
bekennen uns entschieden zum Existenzrecht des Staates Israel.
Wir teilen die Überzeugung der kirchenleitenden Organe der ELKB, dass dem christlich-jüdischen
Dialog eine hervorragende Bedeutung zukommt und bejahen ausdrücklich, dass das Thema zum
Gegenstand der Herbstsynode und einer zweiten theologischen Erklärung (zehn Jahre nach „Juden und
Christen“) gemacht wurde.
Dennoch zwingt uns die Erklärung der kirchenleitenden Organe an einigen Stellen zur Nachfrage.
1. In der Erklärung heißt es: „Aktivitäten, die das Ziel einer Konversion von Juden zum Christentum
verfolgen, sind für die ELKB undenkbar.“
Was genau wird unter den „Aktivitäten“ verstanden, „die das Ziel einer Konversion von Juden zum
Christentum verfolgen“?
Sollte hiermit gemeint sein, dass auf niemanden Druck ausgeübt wird, zum Christentum überzutreten
(Zwangsmaßnahmen im weitesten Sinn des Wortes) oder dass kein Anreiz durch Gewährung
finanzieller oder anderer Vorteile geschaffen wird (z.B. Zusage von Ausbildungs- oder Arbeitsplatz
nach der Konversion), so stimmen wir dieser Stellungnahme uneingeschränkt zu.
Die Formulierung lässt jedoch vermuten, dass – darüber hinausgehend – noch andere „Aktivitäten“
abgelehnt werden.
Hierbei ist zunächst an die Taufe selbst zu denken, durch die die Konversion zum Christentum
vollzogen wird. Widerspricht es der Erklärung, dass Menschen jüdischer Herkunft, die an Jesus
Christus glauben und die Taufe im Namen des Dreieinigen Gottes begehren, in der ELKB getauft
werden? Anders formuliert: Sollen eventuelle jüdische Taufbewerber durch die Pfarrerinnen und
Pfarrer abgewiesen werden?
Als in der ältesten Gemeinde diskutiert wurde, ob auch Heiden getauft werden dürften, gab die
rhetorische Frage des Petrus den Ausschlag: „Kann auch jemand denen das Wasser zur Taufe
verweigern, die den Heiligen Geist empfangen haben ebenso wie wir?“ (Apostelgeschichte 10,47)
Kann – so müssen wir heute umgekehrt fragen – die Kirche Juden die Taufe verweigern, die Gott
durch den Heiligen Geist zum Glauben an Jesus Christus gerufen hat? Die Antwort muss - wie damals,
so auch heute - lauten: „Nein!“
Sollte in der Erklärung nicht gemeint sein, dass jüdischen Taufbewerbern der Zugang zur Gemeinde
Jesu Christi verschlossen bleiben soll, so ist als nächstes zu fragen, ob sich die Erklärung gegen das
Christuszeugnis gegenüber Juden ausspricht.
Die Wirksamkeit des verkündigten Wortes Gottes ist tragende gemeinsame Überzeugung aller
lutherischen Christinnen und Christen und sie ist DAS Heilsmittel (medium salutis) zur Erkenntnis
Christi. Die Wirksamkeit des Evangeliums hängt dabei nicht an Menschen, sondern am Wort Gottes
selbst. Wenn das reine Evangelium verkündigt wird, wird in Hörern durch den Heiligen Geist Glauben
an Jesus Christus geweckt, wo und wann es Gott gefällt (vgl. Confessio Augustana Art. 5).
Dies ist weitaus mehr als ein dogmatisches Axiom: Die zweitausendjährige Kirchengeschichte und die
gegenwärtige Ausbreitung des Christentums belegen sichtbar für jeden: Es ist das Evangelium, das
Menschen für Christus gewinnt.
Verpflichtet sich die ELKB nun, gegenüber Juden das Evangelium nicht zur Sprache zu bringen, dann
müssen wir fragen: Wie soll das gehen? „Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir
gesehen und gehört haben.“ (Apostelgeschichte 4,20)
2. In der Erklärung heißt es: „Weiter diskutiert werden müssen umstrittene Grundfragen des
christlichen Selbstverständnisses im Verhältnis zum Judentum, wie z.B. das trinitarische
Gottesbekenntnis, das Verständnis von christlichem Zeugnis und die Stellung der ELKB zu den so
genannten „messianischen Juden“.“
Es erscheint uns theologisch sehr fragwürdig, die Stellung der ELKB zu den „messianischen Juden“
zu einem Diskussionsgegenstand im Verhältnis zum Judentum machen zu wollen. „Messianische
Juden“ haben in der Begegnung mit dem rettenden Evangelium Jesus als den Messias Israels erkannt,
sie sind unsere Brüder und Schwestern im Glauben an den Sohn Gottes und Teil seiner Welt und Zeit
umspannenden Kirche. Die Kirche bildet den Leib Christi. Durch Christus, der das Haupt ist, sind alle
Glieder – d.h. auch „messianische Juden“ und „Heidenchristen“ - untereinander verbunden. (vgl.
Epheser 2,11ff; 4,15f) Diese Verbundenheit im Leib Christi darf nicht zur Disposition gestellt werden.
3. Unsere letzte Anfrage betrifft schließlich die Zuordnung des trinitarischen Gottesbekenntnisses zu
den umstrittenen Grundfragen des „christlichen Selbstverständnisses“. Das trinitarische
Gottesbekenntnis ist keine Frage des christlichen Selbstverständnisses, sondern fasst die
Selbstoffenbarung des einen Gottes in drei Personen zusammen. Hier geht es um das innerste
Wesensgeheimnis Gottes, das ER seiner Gemeinde im Alten und Neuen Testament erschließt:
„Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die
Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum
Erben über alles, durch den er auch die Welt gemacht hat. Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und
das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die
Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe und ist so viel
höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat, höher ist als ihr Name.“ (Hebräer
1,1-4)
Während Fragen des christlichen Selbstverständnisses – z.B. das Verhältnis der Erwählung Israels zur
Erwählung der Kirche – nicht nur diskutierbar sind, sondern diskutiert werden müssen, ist die
Selbstoffenbarung Gottes jeder Diskussion im Kern entzogen.
Wir danken den kirchenleitenden Organen der ELKB im Voraus herzlich für eine vertiefte
Erläuterung des gemeinsamen Wortes.
Verbunden in der Liebe zu Israel und in der Hoffnung, dass ganz Israel durch den Erlöser aus Zion,
Jesus Christus, gerettet wird (vgl. Römer 11,26),
verbleiben wir mit freundlichen Grüßen,


Judenmission - Protest zeigt Wirkung
Dokumentation: Wort aller kirchenleitenden Organe