Kässmannrücktritt

Käßmann tritt von kirchlichen Ämtern zurück
EKD-Ratsvorsitzende: Trunkenheitsfahrt beschädigt Autorität
Hannover (idea) – Margot Käßmann ist von ihren Ämtern als EKD-Ratsvorsitzende und
hannoversche Landesbischöfin zurückgetreten. Nach ihrer Trunkenheitsfahrt vom 20. Februar
seien das Amt und ihre Autorität als Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende beschädigt,
sagte die 51-jährige Theologin am 24. Februar im EKD-Kirchenamt in Hannover. Käßmann:
„Die Freiheit, ethische und politische Herausforderungen zu benennen und zu beurteilen, hätte
ich in Zukunft nicht mehr so, wie ich sie hatte.“ Die harsche Kritik etwa an dem Zitat aus ihrer
Neujahrspredigt „Nichts ist gut in Afghanistan“ sei nur durchzuhalten, „wenn persönliche
Überzeugungskraft uneingeschränkt anerkannt wird“. Bei ihrer Entscheidung zum Rücktritt sei
es ihr auch um Respekt und Achtung vor sich selbst und ihrer Geradlinigkeit gegangen. Sie sei
mehr als zehn Jahre „mit Leib und Seele“ Landesbischöfin gewesen und habe alle ihre Kraft in
diese Aufgabe gegeben. Sie bleibe Pastorin der hannoverschen Landeskirche. Diese bedauerte
den Rücktritt und zollte Käßmann Respekt. Sie habe die Kirche in wichtigen Arbeitsfeldern
entscheidend vorangebracht. Ihr unbedingtes Anliegen sei gewesen, „mit dem Evangelium
mitten in der Welt präsent zu sein“.

Stellvertretender EKD-Ratsvorsitzender: Leben aus Vergebung
Der stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende, der rheinische Präses Nikolaus Schneider
(Düsseldorf), und die Präses der EKD-Synode, Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-
Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) nahmen gemeinsam zu Käßmanns Rücktritt Stellung. Dieser
sei ein schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus. Zugleich entspreche der Schritt der
Geradlinigkeit Käßmanns. Ein christlicher Umgang mit einem schlimmen Fehler sei vom Wissen
um die eigene menschliche Fehlerhaftigkeit und Vergebungsbedürftigkeit getragen. Käßmann
habe ihren Fehler sofort eingestanden und sei „eine glaubwürdige Zeugin für ein Leben aus der
Vergebung Gottes“. Schneider wird zunächst die Amtsgeschäfte als EKD-Ratsvorsitzender
übernehmen. Das Gremium kommt am 26. und 27. Februar in Tutzing bei München zusammen.

Rüß: Hochachtung für Rücktritt
Der Vorsitzende der theologisch konservativen Konferenz Bekennender Gemeinschaften in den
evangelischen Kirchen Deutschlands, Pastor Ulrich Rüß (Hamburg), brachte seine
Hochachtung für Käßmanns Schritt zum Ausdruck. Dieser sei notwendig gewesen, weil – wie
sie selbst gesagt habe – das Amt als Ratsvorsitzende und Bischöfin beschädigt sei. Damit
repräsentiere sie die Kirche „und in gewisser Weise auch Christus und das Evangelium“, sagte
Rüß dem Nachrichtensender n-tv. Außerdem habe durch ihren Fehltritt ihre Glaubwürdigkeit als
„moralische Instanz“ gelitten.

„Erschrocken über schlimmen Fehler“
Käßmann hatte am späten Abend des 20. Februars in Hannover eine rote Ampel missachtet
und war von der Polizei überprüft worden. Die Blutprobe ergab einen Alkoholpegel von 1,54
Promille. Sie musste ihren Führerschein abgeben, weil sie fahruntüchtig war. Ihr droht ein
Strafverfahren mit einer Geldstrafe oder Gefängnis von bis zu einem Jahr. Käßmann zeigte sich
reumütig: „Ich bin tief erschrocken, dass ich so einen schlimmen Fehler gemacht habe. Mir ist
bewusst, wie gefährlich und unverantwortlich Alkohol am Steuer ist.“ Den rechtlichen
Konsequenzen werde sie sich stellen. Käßmann stand seit 1999 an der Spitze der mit knapp
drei Millionen Mitgliedern größten deutschen Landeskirche. Ende Oktober wurde sie als
Nachfolgerin von Bischof i.R. Wolfgang Huber (Berlin) zur Vorsitzenden des Rates der EKD
gewählt. Das 14-köpfige Leitungsgremium repräsentiert 24,5 Millionen landeskirchliche
Protestanten.

Steile kirchliche Karriere
Mit dem Rücktritt wurde eine steile kirchliche Karriere gestoppt. Margot Käßmann, am 3. Juni
1958 in Marburg (Lahn) geboren, studierte Theologie in Tübingen, Edinburgh, Göttingen und
Marburg. Als Jugenddelegierte nahm sie 1983 Vollversammlung des Ökumenischen Rates der
Kirchen (ÖRK) in Vancouver (Kanada) teil, auf der sie als jüngstes Mitglied in den
Zentralausschuss gewählt wurde. 2002 trat sie aus dem Gremium aus, weil der ÖRK aus
Rücksicht auf die orthodoxen Kirchen auf ökumenische Gottesdienste verzichtete. Von 1991 bis
1998 war sie Mitglied des ÖRK-Exekutivausschusses. Ihre Laufbahn als evangelische
Geistliche begann 1983 als Vikarin in Wolfhagen bei Kassel; 1985 wurde sie als Pfarrerin
ordiniert. Bis 1990 nahm sie mit ihrem Mann Eckhard Käßmann eine Pfarrstelle in Nordhessen
wahr. Anschließend wurde sie Beauftragte für den Kirchlichen Entwicklungsdienst der
kurhessen-waldeckischen Kirche. Von 1992 bis 1994 war sie Studienleiterin an der
Evangelischen Akademie Hofgeismar. Bis zur Wahl zur hannoverschen Landesbischöfin im
Jahr 1999 amtierte sie als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Frau
Käßmann ist Mutter von vier Töchtern. Im Jahr 2007 ließ sie sich nach 26-jähriger Ehe
scheiden.
(24.02.2010/17:00)


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