Laudatio auf Hans Apel

Laudatio auf Hans Apel
von Prof. Dr. Jörg Müller-Volbehr
Als mir unlängst die ehrenvolle Aufgabe einer Laudatio auf Sie, Herr Apel, angetragen wurde, habe ich sogleich gerne zugestimmt. Nicht nur sind Sie als oberster Sachwalter des Heeres und der Bundesfinanzen in lebendiger Erinnerung. Nicht nur verbindet sich mit Ihrer Person das von Ihnen kreierte Sprichwort "Ich glaub, mich tritt ein Pferd", womit Sie gewiß in die nächste Auflage der Büchmannschen Sammlung geflügelter Worte Eingang finden. Mit Ihrem Buch "Volkskirche ohne Volk" sind Sie als engagierter und besorgter evangelischer Christ an die Öffentlichkeit getreten und haben mit plastisch geschilderten Details auf die gegenwärtigen Nöte der evangelischen Landeskirchen aufmerksam gemacht. Mit all Ihren Mahnungen, es mit dem lutherischen "Sola scriptura" ernster zu nehmen, haben Sie nicht nur mir aus dem Herzen gesprochen. Den sog. progressiven Kräften in den Kirchen bereiten Ihre Ausführungen freilich keine reine Freude. Das war ja aber so wohl beabsichtigt.
Der von Ihnen beschriebene beispiellose Niedergang der Landeskirchen in den letzten Jahren und Jahrzehnten dokumentiert sich nach außen am augenscheinlichsten in den hohen Zahlen der Kirchenaustritte, nach innen in den vielen Irrungen und Wirrungen, denen wesentliche Teile der Landeskirchen in ihrem Drang, dem jeweiligen Zeitgeist hinterher hecheln zu müssen, unterliegen. Einige der hauptsächlich von Ihnen beklagten Sündenfälle seien kurz in Stichworten aneinander gereiht: Feministische Theologie, Abtreibung, Homosexuellen”ehe”, kirchliche Ehescheidung. Diese Entwicklung muß jedem in der Seele weh tun, der in dieser Kirche aufgewachsen ist und sich ihr als bekennender evangelischer Christ nach wie vor verbunden weiß. Sie benennen viele Gründe, die zu der geistlichen Malaise unserer Tage geführt haben. und legen dabei gleichsam die Finger in die Wunden einer kranken Kirche. Ihre engagiert vertretenen und mit zahlreichen Fakten untermauerten Thesen sollten jedem, der in der Kirche Verantwortung trägt, eine ernste Mahnung sein, dazu beizutragen, daß sich die Dinge zum Besseren wenden.

Die Verleihung des Preises an Sie geschieht in Erinnerung an Walter Künneth, der seine Kirche immer wieder mutig vor Fehlentwicklungen gewarnt hat. Im Dritten Reich waren es seine beherzten, Kopf und Kragen riskierenden Aktivitäten im Rahmen der bekennenden Kirche. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat er frühzeitig und couragiert über die sich nun anbahnenden Gefahren eines Substanzverlustes im Glauben unter besonderem Hinweis auf das österliche Heilsgeschehen Klage geführt. Etliche Jahre danach haben Sie, Herr Apel, Ihre kritische Bestandsaufnahme vorgelegt, die es in dieser umfassenden, die Probleme nüchtern und pragmatisch anpackenden Weise bisher nicht gegeben hat. Zu den Appellen Walter Künneths ergeben sich manche Parallelen, der ausschlaggebende Grund dafür, daß man Sie als ersten Laureaten für den neu gestifteten Preis ausersehen hat. Auch heute noch, obwohl nicht vergleichbar mit dem Dritten Reich, gehört gerade in der Kirche schon viel Mut und Stehvermögen dazu, gegen den Strom der Zeitläufte schwimmend Mißstände anzuprangern und sich dann stante pede das Verdikt anhören zu müssen, hoffnungslos reaktionär-konservativ, fundamentalistisch, ewig gestrig zu sein und sich den Nöten vermeintlich moderner Wortverkündigung und Seelsorge zu verschließen. Dabei braucht die Kirche so mutige Leute wie Sie dringender denn je, die eine Rückbesinnung auf die unverrückbaren biblischen Grundlagen und damit eine Reinigung von unbiblischen Modernismen an Haupt und Gliedern anmahnen.

Die von Ihnen aufgezählten typischen Symptome belegen eindrucksvoll den Abstieg von der Volkskirche zur Minderheitenkirche, ein Prozeß, der seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts sich ständig beschleunigt. Dieser Prozeß hat, das muß man sich auch einmal historisch verdeutlichen, die seit etwa sechzehnhundert Jahren andauernde Ära der Volkskirche beendet. Nach der Erhebung des (nicänischen) Christentums zur exklusiven Staatsreligion durch Kaiser Theodosius im Jahre 38o hatte sich die vormalige Minderheitenkirche im Römischen Reich zur Staats- und zugleich zur Volkskirche gewandelt. Erst 1919 wurden in Deutschland Staat und Kirche bekanntlich verfassungsrechtlich getrennt. Die Volkskirche blieb zunächst noch bestehen. In welchen Scharen jedoch die Menschen die Kirchen seit 1950 verlassen haben und weiter verlassen, freilich mit regionalen Unterschieden, haben Sie statistisch im einzelnen aufgeschlüsselt. Wenn man bedenkt, daß EKD-weit etwa ein Prozent pro Jahr austritt, läßt sich der Fall der EKD in die Bedeutungslosigkeit in den nächsten Jahren und Jahrzehnten klar absehen. Zumal kann bei den vielen "Karteileichen", die die Kirchen noch als Mitglieder zählen, gerade unter den Jüngeren, auch kaum mit einem Stillstand des Ausrinnens gerechnet werden.

Die Konsequenzen dieses Niedergangs sind erschreckend: Die fortschreitende Entkirchlichung hat zwangsläufig eine Entchristlichung zur Folge. Eine entchristlichte deutsche Gesellschaft, ist heute die Wirklichkeit. Dabei entsteht ein religiöses Vakuum, das andere Welt- religionen, aber auch ganz neuartige, zum Teil rein exotische religiöse und weltanschauliche Lebensformen aufzufüllen versuchen. Vor allem ist das sog. christliche Abendland auf dem besten Weg, zunehmend morgenländisch zu werden.

Typisch für das religiöse Vakuum in Deutschland ist auch eine weit verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber christlichen Grundwerten. Wertvorstellungen prägt der Staat bekanntlich nicht aus sich heraus. Sie sind ihm vielmehr durch das Ethos in der Gesellschaft vorgegeben. Christlich-abendländische Wertvorgaben haben in früheren Jahrhunderten bei der Ausformung der Grundrechte der Menschenwürde, der freien Entfaltung der Persönlichkeit und der Gerechtigkeit eine zentrale Rolle gespielt. Infolge der dahingeschwundenen Christlichkeit breiter Bevölkerungskreise üben die Kirchen ihre Funktion als Hüterin der sittlichen Ordnung und des öffentlichen Gewissens indes schon lange nicht mehr unangefochten aus. Hinzukommt, daß gerade die zentralen Themen wie etwa der Bioethik innerhalb der Kirchen genauso umstritten sind wie außerhalb. Ein eindeutiges Unisono der Kirchen ist in weite Ferne gerückt.
Erschreckend sind die Zahlen, die Sie zum immensen Glaubensverlust der einzelnen Mitgliedergruppen, der Jugendlichen, der Rentner und vor allem der Pfarrer selber, gestützt auf die Jörns-Umfrage, vorgelegt haben. Aufschlußreich ist insbesondere, daß ein großer Teil der Pfarrer nicht mehr hinter zentralen Inhalten des christlichen Glaubens steht. Entsprechend differenziert ist dann auch die Einstellung etwa zu den Zehn Geboten. Vor dem Hintergrund dieser Fakten muß man sich fragen, wie konnte es zu einer solchen Erosion des Glaubens kommen.

Über das Warum dieses Werdeganges kann man lange reflektieren. Es trifft wohl eine ganze Reihe von Ursachen zusammen. Da wären ein- mal die von außen kommenden, die exogenen Gründe. Zu der rapiden Entchristlichung beigetragen haben sicher die geistigen Strömungen der Zeit. Im Osten hat der Sozialismus ganze Arbeit geleistet, im Westen war es der Konsumismus mit der Folge einer Säkularisierung. Noch nie ist es den Deutschen materiell so gut gegangen wie in den letzten fünfzig Jahren. In Zeiten dieses Wohlstandes war die Religion weniger gefragt. Daneben gibt es hausgemachte, endogene Gründe, die die Kirchen selber verursacht bzw. verschuldet haben. Von ihnen handelt Ihr Buch. Sie bringen eine Vielzahl an Aspekten zur Sprache. Auf einige möchte ich kurz eingehen.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt die Universitätstheologie. Manche theologische Fakultät hat sich als Stätte« der Irrlehre entpuppt. Schon vor über dreißig Jahren hatte der damalige Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Wilm, vor den wachsenden Irrlehren der wissenschaftlichen Theologie gewarnt. Den Methoden der historisch-kritischen Sichtweise folgend hat sie sich den Religionswissenschaften angenähert. Hinterfragt, ja in Frage gestellt wird praktisch alles. Auf den Glauben kommt es nicht mehr an. Ohne ihn kann man sicher wissenschaftlich arbeiten, biblische Texte interpretieren. Aber ohne Glauben kann eine solche Arbeit kaum mehr christlich-theologisch genannt werden. So wurde schon manches Theologiestudium für junge Christen zu einer Abgewöhnungskur ihres Glaubens. Zu dieser Entwicklung hat u.a. Rudolf Bultmanns Lehre von der Entmythologisierung maßgeblich beigetragen. Es war übrigens Walter Künneth, der als einer der ersten schon frühzeitig gegen diese Theorie Stellung bezog. Schon der Titel "Entmythologisierung" erscheint höchst mißverständlich, als wenn es darum ginge, zentrale Aussagen der in den Evangelien tradierten Botschaft von dem Verdacht eines bloßen Mythos befreien zu müssen. Jedenfalls waren mit dieser Lehre des "Glaubens ohne Mythos" Tür und Tor geöffnet hin zu einer Theologie der Pluralismen, in der sich der von vielen Glaubensinhalten verabschiedende Mensch zum Maß der Dinge erhebt.

Generell wird in der Theologie zu viel von Menschen und zu wenig von Gott gesprochen. Sie nennen das ein Lesen des Evangeliums mit modernen Brillen, mit anderen Worten: Die Forderungen und Aussagen des Evangeliums werden nach dem Motto "Erlaubt ist, was gefällt" solange relativiert, zurechtgebogen, bis sie unter Ausschaltung aller lästigen Gebote den jeweiligen individuellen Bedürfnissen angepaßt sind. Die vorhin in Stichworten angesprochen- en "Sündenfälle" der Kirche passen in dieses Gefüge. Das Ergebnis ist dann eine Religion light, eine anthropozentrische Theologie, die das Tun und Wollen des Menschen über das Wort Gottes stellt.

Dieser Trend kommt in den evangelisch-theologischen Fakultäten vor allem in einem Zuviel an Ethik und einem Zuwenig an Dogmatik, an Glaubenslehre, zum Ausdruck. Der arme Theologiestudent muß sich im Pflichtfach Sozialethik mit der ganzen Palette politisch-sozialer Probleme herumschlagen. Gebete als Ausdruck einer Suche nach theologischer Wahrheit sind in diesem System ein Fremdkörper. Wen wundert es da, daß viele Pfarrer solches Gedankengut, das sie in der Jugend empfangen haben, später in ihre Gemeinden hineintragen.
In den theologischen Fakultäten findet zudem die feministische Theologie zunehmend Verankerung. Auch im praktischen Leben der Landeskirchen fassen Feministinnen immer mehr Fuß. Vor den feministischen Irrwegen warnen Sie eindrücklich mit vielen ab- schreckenden Beispielen. Wenn man etwa von der Bischöfin für den Sprengel Hamburg hört, so unlängst in einem Interview mit Chrismon, es interessiere sie nicht, ob das Grab Christi leer war oder nicht, kann man nur noch den Kopf schütteln. Mehr noch, wenn die Bischöfin für den Sprengel Holstein-Lübeck kundtut ( siehe Focus 42/2ooo), wie sie für die altägyptische Totengöttin Selket, Wächterin über die Eingeweide verstorbener Pharaonen, schwärmt und wie sie in ihrem
morgendlichen Zwiegespräch der schönen Stolzen vom Nil für die Kraft und die Inspiration dankt. Hinzukommen die vielen anderen seltsamen Blüten feministischer Theologie im Abseits nichtchristlicher Bahnen. Typisch und erschreckend auch hier die Anthropozentrik in der Argumentation.
Völlig zu Recht kritisieren Sie das übertriebene gesellschaftspolitische Engagement der Kirchen. Politisierende Denkschriften und Verlautbarungen gibt es von Bischöfen, Kirchenleitungen, Synoden, Kirchentagen, Akademien und selbst örtlichen Kirchenvorständen. Diese Entwicklung hatte zu Anfang der achtziger Jahre im Zeichen der sog. Friedensbewegung ihren Höhepunkt erreicht, als in weiten Bereichen der Evangelischen Kirche der politische Streit zur Frage des status confessionis eskalierte. Besonders in jener Zeit wurden Altar und Talar immer wieder dazu mißbraucht, unter dem Siegel kirch- licher Wahrheit parteiische Positionen als christliche Botschaft auszu- geben und zu verkünden. Dabei schlugen innerkirchliche Spannungen bis ins Parteipolitische aus. Mit der hemmungslosen Anbiederung an den Zeitgeist ist es heute leider nicht viel anders. Kirchliche Aufrufe entpuppen sich, soweit sie nicht nur Allgemeinplätze beinhalten, nicht selten als ein unkritischer Abklatsch oftmals einseitiger Parteiprogramme. Zwar verweisen amtskirchliche Stellen gerne auf das unbe- strittene Recht und die Pflicht, in Grundsatzfragen des Lebens aus christlicher Sicht auch in die Tagespolitik hinein klare Positionen zu beziehen. Eine sich politisch verstehende Theologie trägt indes um so mehr kirchenspaltende Züge in sich, als politische Predigt und politische Diakonie den Charakter parteilicher Festlegungen annehm- en. Einseitige gesellschaftspolitische Engagements vergrößern die Reibungsflächen mit weiten Teilen der Öffentlichkeit, den politisch Andersdenkenden. Irritationen, Konfrontationen und Kirchenaustritte sind dann ebenso die Folge wie eine innerkirchliche Polarisierung.

Als scheinbar alles stützender Rechtstitel fungiert der u.a. in zahlreichen Staatskirchenverträgen sogar ausdrücklich verbürgte sog. Öffentlichkeitsauftrag der Kirchen. Um aber weiteren Schaden abzuwenden, bedarf dieser Öffentlichkeitsauftrag dringend einer eingrenzenden Definition. Sie weisen zutreffend schon auf den mangelnden politischen Sachverstand bei den fortlaufenden Stellungnahmen zu den großen Fragen unserer Zeit hin. In der Tat wird der Öffentlichkeitsauftrag immer wieder mit einem umfassenden politisch- en Mandat verwechselt, gerichtet auf den törichten Anspruch einer kirchlichen Allzuständigkeit in praktisch allen Politikbereichen. Befremden muß es, wenn z.B. die in die Württembergische Landessynode gewählte Pfarrfrau aus Unteruhldingen am Bodensee sich über komplexe soziale und wirtschaftliche Probleme, bei denen schon Fachleute kaum den Durchblick haben, eine Entscheidungskompetenz anmaßt. Ein bißchen fühlt man sich dabei an Lieschen Müller erinnert. Entsprechend unausgegoren kommen die vielen gesellschaftspolitischen Statements , die vor allem Synoden von sich geben, zustande.

Indem die Evangelische Kirche mit einer meist einseitigen Thematik an die Öffentlichkeit tritt, erweckt sie nach außen den Eindruck, es handele sich bei ihr eher um einen Verein für Gesellschafts- und Sozialpolitik als um eine protestantische Glaubensgemeinschaft. Damit soll nicht gesagt sein, die soziale Verantwortung in den Bereichen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung - das sind die Lieblingsthemen der Synoden - für die Kirchen überhaupt keine Rolle spielen. Was aber auffällt, ist das krasse Ungleichgewicht, daß in der Flut der Stellungnahmen Fragen des praktisch gelebten Glaubens, der volksmissionarischen und pastoralen Arbeit, der biblischen Weisungen wie der Zehn Gebote nur einen ganz untergeordneten Platz einnehmen. Es ist leider schon so, wie Sie zutreffend bemerken, daß die vielen gesellschaftlichen Aktionen der Evangelischen Kirche offenbar
über ihre Unfähigkeit hinwegtäuschen sollen, sich über zentrale Punkte des Glaubens einig zu werden. Je mehr die Kirche aber ihre geistliche Strahlkraft einbüßt und weltliche Dinge in den Vordergrund stellt, desto stärker betreibt sie das Geschäft ihrer eigenen Säkularisierung. Eine selbstsäkularisierte Kirche wird jedoch austauschbar mit beliebigen anderen gesellschaftlichen Gruppen und wegen ihres schwindenden geistlichen Propriumsin der gesellschaftspolitischen Diskussion ohnehin kaum mehr wahrgenommen. Das ist letztendlich, wie Sie festgestellt haben, das Schicksal der vielen EKD-Denkschriften.

Eine unrühmliche Rolle spielen die Kirchenparteien und Fraktionen in den Synoden, die es eigentlich gar nicht geben sollte. Sie schildern anschaulich, wie es infolge des Wahlrechts zu den Synoden doch zu solchen Gruppierungen kommt. In den meisten Synoden haben “progressive” Gruppen das Sagen und sitzen an den Schalt- hebeln der Macht, indem sie die Synodalbeschlüsse lenken, die Aus- richtung der Landeskirchen festlegen und darüber bestimmen, wer in die leitenden Geistlichen Ämter gelangt, Gewählt wird, wer in der Synode am lautesten klappert und rasselt und sich am besten mit der “progressiven” Mehrheitsfraktion arrangiert - und das sind nicht immer die Besten. Dieser Trend führt zur zeitgeistkonformen
Funktionärskirche. Den Inhabern leitender Ämter fehlt so oftmals das geistliche Profil. Wehmütig denke ich an meine Kindheit und Jugend zurück, als ich die Bischöfe Dibelius, Meiser und Lilje mit ihrem mitreißenden geistlichen Charisma persönlich erleben durfte. Durch Ihre gesamten Ausführungen zieht sich gleichsam wie ein roter Faden die Frage, wieweit der Prozeß der Anpassung kirchlicher Überzeugungen an neue gesellschaftliche Entwicklungen denn noch gehen kann. Bei den vielen Kritikpunkten darf man freilich nicht vergessen, daß nach wie vor eine große Zahl evangelischer Gemeinden geistlich intakt ist. Die sine ira et studio zu mißbilligenden Umstände treffen allerdings leider auf nicht unwesentliche Teile der Landeskirchen zu. Die Zahlreichen Säkularisierungstendenzen haben weithin die geistliche Mitte aus den Fugen geraten lassen. Für eine Umkehr ist es indes nie zu spät, wie der bekannte reformatorische Grundsatz "ecciesia reformata semper reformanda' besagt. In diesem Sinne müssen die Landeskirchen die Schwergewichte ihres Wirkens in der Welt erheblich verlagern, indem sie sich ausschließlich auf die geistlichen Fundamente stützen. Mit einer notwendigen Kritik möchte man aus Besorgnis den Kirchen helfen. An einer schwächelnden Kirche kann niemandem gelegen sein. Soll das Christentum in Europa Zukunft haben, werden ohnehin alle Kirchen, die evangelische und die katholische Amtskirche ebenso wie die Freikirchen , wenn sie schon nicht zusammenwachsen, so doch zumindest zusammenstehen müssen, um dem Ansturm des Islams zu begegnen. Sie haben mit Ihren Thesen viele Denkanstöße gegeben. Man kann nur hoffen, daß die Kirchen diese auch beherzigen. Ihrem Buch wünschen wir eine weite Verbreitung und noch viele Neuauflagen.


2004 Hans APEL