Tiger sind eine gefährdete Tierart, darum ist es streng verboten, sie zu jagen. Ungeborene Kinder sind auch gefährdet, aber nicht geschützt. Ich wollte, die ungeborenen Kinder wären Tiger. Dann wären auch sie geschützt, wie die Tiger.

Tiger sind vor allem schön und ihr Nutzen gering. Kinder sind schön und unendlich mehr als nur schön. Sie sind nicht nur nützlich, sondern wir brauchen sie dringend wie den sprichwörtlichen Bissen Brot.

Das sagen heute verspätet, aber doch alle, sogar der deutsche Bundeskanzler bittet seine Landsleute geradezu flehend: „Bitte, bringt mehr Kinder zur Welt!“ Werden Kinder, seltener und kostbarer „Rohstoff“, der sie sind, deswegen geschützt?

Nein, die Jagd auf sie, erklärt man uns, ist ein Menschenrecht. Das EU-Parlament – lauter Geborene, deren Bejagung streng verboten ist – will sogar, dass die Babyjagd bezahlt wird von den Steuern.

So ist das heutige Europa, und die gefährlichste Zeit des menschlichen Lebens sind jene neun Monate, in denen der Mensch „eigentlich“ besonders gut geschützt wäre. Aber eben nur „eigentlich“, in Wirklichkeit nämlich nicht. Der Schutzschild des Gesetzes, unter dem die Menschen in Europa ziemlich sicher und gut leben können, beginnt erst nach der Geburt so richtig.

Es war eine kulturelle Höchstleistung, den gesetzlichen Lebensschutz für alle einzurichten. Aber merkwürdigerweise gilt es heute als geradezu unmoralisch, diesen Schutz wieder auf ungeborene Kinder ausdehnen zu wollen. Was im Mutterleib geschieht, „geht keinen was an“ – nicht wahr? Ach wären die Kinder doch Tiger, dann wären sie geschützt, erst recht, wenn die Tigermama trächtig ist.

Europa ist einen unheimlichen Weg gegangen, es hat sich auf einen „slippery slope“ begeben und seither rutscht es nach unten:

Abtreibung ist ein schweres Unrecht, Abtreibung wird bestraft. Das war der AusgangspunktDann hieß es: Abtreibung ist Unrecht, Abtreibung ist verboten, aber es wird nicht bestraft.Die Menschen auf der Straße sagten: Also ist Abtreibung erlaubt, inzwischen sagen es auch die Politiker.Erlaubt? Schon wieder überholt: Abtreibung ist Menschenrecht, heißt es, und die Politiker versprechen: Wir verhelfen den Frauen zu ihrem „Recht“ - etwa in Salzburg am Landeskrankenhaus, das seinerzeit von einem Erzbischof gegründet wurde. Wer soll das bezahlen? Das EU-Parlament forderte erst kürzlich: der Steuerzahler.Und jetzt will die Sozialistische Partei Österreichs auch wieder Strafe – nicht für Abtreiber, sondern für Lebensschützer, die Frauen auf dem Weg zur Abtreibung belästigen. Belästigen? Ja, etwas durch Rosenkranzbeten oder gar durch Hilfsangebote, die das Kind retten könnten.
So geht der Weg von Strafe zu Strafe: Strafe – nicht bestraft – erlaubt – Menschenrecht – Hilfe und Geld für jene, die ihr „Menschenrecht“ wahrnehmen wollen – ... und wieder Strafe, aber jetzt nicht mehr für Abtreiber, sondern für Lebensschützer.

Es ist unbestreitbar die heikelste Frage der Abtreibungsdebatte: „Soll man Frauen bestrafen?“ Ein schriller Aufschrei ist die Antwort auf eine politisch so unkorrekte Frage, und der Fragesteller soll sich schämen ob seiner moralischen Verworfenheit: Strafen? Eine Frau? Niemals!
Aber die Frage ist anders zu stellen: Sollte man die ungeborenen Kinder nicht unter den Schutzschild des Gesetzes herein holen? Sind wir Geborene nicht unendlich dankbar, dass es diesen Schild gibt, und überzeugt, dass er gut ist? Sollte man nicht die Diskussion, die „damals“ abgebrochen wurde, neu aufgreifen und fragen, wie ein solches Gesetz ausschauen könnte, das die Kinder schützt und die verschiedenen Tätergruppen abschreckt?

Der jüdische Schriftsteller J. Roth sagt einmal, in allen „gesitteten Staaten“ der Welt werde Abtreibung bestraft. Für ihn war das noch selbstverständlich, und die in seinem Sinn „gesitteten Länder“ sind fast gänzlich verschwunden.

Was man in normalen Zeiten kaum glauben kann, bestätigt sich wieder einmal: Ideologische Verblendungen sind stärker als Fakten und sogar als der Eigennutz: Uns bedroht heute - in noch nicht ganz vorstellbarem Ausmaß - das Fehlen jener Kinder, die wir verhütet oder abgetrieben haben – und dennoch besteht man unbeirrbar auf dem „Recht“ abzutreiben und will, so eine Forderung des EU-Parlaments, Abtreibung mit den Mitteln des Steuerzahlers noch leichter machen als sie es schon ist.

Man vergleiche: Der Gefahr der Verkarstung begegnet man mit Schlägerungs-Verboten, das Edelweiß schützt man durch das Verbot, es zu pflücken, und gefährdete Tierarten rettet man durch Jagdverbote. Überall, wo ein Lebewesen in Gefahr ist, hält man Verbote, Strafen und Überwachungskameras für hilfreich - nur bei den Kindern behauptet man, Verbote nützten nichts. Im Gegenteil, man erleichtert weiterhin ihre Vernichtung und will Lebensschützer durch Gesetz und Strafe hindern, abtreibungs-willige Frauen durch Worte und Hilfsangebote umzustimmen.

Das Gebot Gottes „Du sollt nicht morden“ hat Hitler abschätzig eine „jüdische Erfindung“ genannt und den Führerwillen an seine Stelle gesetzt. Wir reden nicht mehr von „jüdischer Erfindung“, wir reden nicht mehr darüber und behaupten, unsere „Mehrheit“ sei Gott ebenbürtig und könne aus „gut“ ein „böse“ machen und aus „böse“ ein „gut“.

Der Prophet Jesaja (5,20-30) kannte das Phänomen: „Weh denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, die die Finsternis zum Licht und das Licht zur Finsternis machen ...“ Die Folgen, sagt der Prophet, werden furchtbar sein: „Darum entbrennt der Zorn des Herrn gegen sein Volk; er streckt seine Hand aus gegen das Volk und schlägt zu. Da erzittern die Berge, und die Leichen liegen auf den Gassen wie Abfall... Wohin man blickt auf der Erde: nur Finsternis voller Angst; das Licht ist durch Wolken verdunkelt.“ Der Grund: „Denn sie haben die Weisung des Herrn der Heere von sich gewiesen und über das Wort des Heiligen Israels gelästert.“ Ach ja, Jesaja – wer soll das schon sein, wir haben doch Staat und Kirche feinsäuberlich „getrennt“.

Was mich betrifft, gebe ich zu: Seit geraumer Zeit habe ich Angst auch für die schon Geborenen, auch für mich selbst. Das Blutvergießen an den Kindern, die Verhöhnung des Gebotes Gottes, diese ungeheuerliche „Lästerung des Herrn“ kann nicht ohne Folgen bleiben. In der Geschichte sind blutige Ideen noch immer zu blutigen Tagen geworden. Ich weiß nicht, wie und wo und wann die bösen Folgen auftauchen werden, aber ich bin überzeugt: sie werden kommen – und dann wehe uns und wehe den nächsten Generationen!

Soviel ist sicher: In den ersten Monaten des Lebens wäre jedem europäischen Embryo und Fötus zu wünschen, er wäre ein Tiger! Ich bin für den Tigerschutz, aber noch mehr den der Kinder!


Impulsreferat Generalsekretär Steeb
Grußwort Weihbischof Prof. Dr. Laun